Tesamorelin wird in den USA seit mehr als einem Jahrzehnt klinisch eingesetzt. Sein kurzfristiges Sicherheitsprofil ist gut beschrieben. Die Wirkung hält jedoch nur so lange an, wie das Medikament verabreicht wird. Patienten, denen es hilft, erhalten deshalb unter Umständen jahrelang Injektionen. Was weiß man über diesen langen Zeitraum? Die Redaktion erläutert, welche Daten vorliegen, wo ihre Grenzen liegen und welche Fragen offenbleiben.
Wie weit die Studien reichen
Die verlässlichsten Sicherheitsdaten zu Tesamorelin stammen aus randomisierten kontrollierten Studien. Die Hauptphase der Zulassungsstudien dauerte 26 Wochen, die Verlängerungsphase bis zu 52 Wochen (Falutz et al., 2008; 2010). Auch spätere Studien zur Fettlebererkrankung liefen etwa ein Jahr (Stanley et al., 2019). Kontrollierte Daten decken somit ungefähr das erste Behandlungsjahr ab.
Nach der FDA-Zulassung im Jahr 2010 kam das Präparat in der klinischen Praxis zum Einsatz. Damit wurden Erfahrungen außerhalb von Studien gesammelt. Die Pharmakovigilanz, also spontane Meldungen von Ärzten und Patienten, kann seltene oder unerwartete Reaktionen sichtbar machen. Sie liefert jedoch keine genauen Häufigkeiten und hat keine Kontrollgruppe. Solche Daten eignen sich zur Erkennung von Signalen, nicht zum Nachweis der Sicherheit.
Um seltene Ereignisse wie bösartige Tumoren oder langsam entstehende Folgen wie Herz-Kreislauf-Komplikationen zu beurteilen, reicht ein Jahr Beobachtung bei einigen Hundert Menschen nicht aus. Deshalb weist die Fachinformation zu Egrifta ausdrücklich darauf hin, dass der langfristige kardiovaskuläre Nutzen und die Sicherheit nicht festgestellt sind.
Die langfristige Sicherheit muss daher anhand von drei Informationsquellen beurteilt werden: kontrollierten Daten aus dem ersten Jahr, Erfahrungen aus der Versorgung und Erkenntnissen aus anderen medizinischen Bereichen über die Folgen einer anhaltenden Wirkung von Wachstumshormon und IGF-1.
IGF-1 und die Frage nach dem Krebsrisiko
Tesamorelin erhöht den IGF-1-Spiegel. IGF-1 fördert die Zellteilung und hemmt den Zelltod. Epidemiologische Studien, die Renehan und Kollegen (2004) in einer Metaanalyse zusammenfassten, brachten höhere IGF-1-Werte mit einem mäßig erhöhten Risiko bestimmter Krebsarten in Verbindung. Ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht bewiesen, biologisch aber plausibel.
Aktive bösartige Tumoren sind deshalb eine Gegenanzeige. Die Fachinformation empfiehlt regelmäßige IGF-1-Kontrollen und die Prüfung eines Therapieabbruchs bei dauerhaft hohen Werten. Ziel sind Werte nahe dem physiologischen Bereich; ein höherer Wert ist nicht automatisch besser.
Menschen mit HIV, für die das Präparat zugelassen wurde, haben bereits ein erhöhtes Grundrisiko für bestimmte Krebserkrankungen. Das erschwert die Beurteilung zusätzlicher Einflüsse. Kontrollierte Studien über höchstens ein Jahr zeigten kein Krebssignal. Aufgrund ihrer Dauer und Teilnehmerzahl konnten sie ein solches Risiko allerdings auch nicht zuverlässig erfassen.
Zum Vergleich können langjährige Beobachtungen bei Patienten unter rekombinantem Wachstumshormon herangezogen werden. Fachleute bewerten das Risiko bei normalen IGF-1-Werten und sorgfältiger Patientenauswahl insgesamt als vertretbar. Diese Daten betreffen jedoch andere Patientengruppen und lassen sich nur eingeschränkt auf Tesamorelin übertragen.

Glukosestoffwechsel und Diabetesrisiko
Wachstumshormon wirkt dem Insulin entgegen. In den Zulassungsstudien zu Tesamorelin stiegen die Glukosewerte bei einem Teil der Patienten mäßig an. Die Fachinformation warnt vor einem erhöhten Risiko für Störungen des Glukosestoffwechsels. Menschen mit HIV unter antiretroviraler Therapie haben bereits ein erhöhtes Risiko für Insulinresistenz, weshalb dieser Aspekt für sie besonders wichtig ist.
Für die langfristige Sicherheit stellt sich vor allem die Frage, ob sich dieser Effekt über Jahre verstärkt. Argumente sprechen in beide Richtungen. Eine anhaltende Stimulation des Wachstumshormons könnte die Kompensationsfähigkeit der Bauchspeicheldrüse allmählich erschöpfen. Andererseits verbessert weniger viszerales Fett und Leberfett das Stoffwechselprofil und könnte einen Teil des ungünstigen Einflusses ausgleichen.
| Risiko | Daten bis 1 Jahr | Mehrjährige Daten | Einordnung der Redaktion |
|---|---|---|---|
| Störungen des Glukosestoffwechsels | Mäßige Veränderungen bei einigen Patienten | Begrenzt | Reales Risiko; Kontrollen erforderlich |
| Krebserkrankungen | Kein Signal festgestellt | Unzureichend | Theoretisches Risiko; bei aktivem Krebs kontraindiziert |
| Herz-Kreislauf-Ereignisse | Verbesserte Blutfette als Surrogatmarker | Nicht festgestellt | Offene Frage |
| Antikörper gegen das Präparat | Bei etwa der Hälfte der Patienten | Klinische Bedeutung ungeklärt | Weiter beobachten |
| Bewegungsapparat | Gelenkschmerzen, Ödeme | Begrenzt | Meist reversibel; chronische Beschwerden möglich |
Praktisch bedeutet dies: Bei einer Langzeittherapie sollten Nüchternglukose und HbA1c regelmäßig kontrolliert werden. Verschlechtern sich die Werte, ist der Nutzen der Behandlung gemeinsam mit einem Endokrinologen neu zu bewerten.
Bei bereits diagnostiziertem Diabetes muss eine langfristige Anwendung besonders sorgfältig abgewogen werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Wirkung auf das viszerale Fett nach dem Absetzen nachlässt, während die Stoffwechselbelastung während der gesamten Behandlung bestehen kann.
Herz, Immunsystem und weitere offene Fragen
In Studien verbesserte Tesamorelin einzelne kardiovaskuläre Marker: Triglyzeride und das Verhältnis von Gesamtcholesterin zu HDL gingen zurück, ebenso das mit kardiometabolischen Risiken verbundene viszerale Fett. Weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse wären damit plausibel. Diese Annahme wurde jedoch nicht durch Studien mit harten Endpunkten wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Sterblichkeit bestätigt.
Ein langjähriger Überschuss an Wachstumshormon ist in einem anderen Zusammenhang, nämlich bei Akromegalie, mit Herzmuskelverdickung und Bluthochdruck verbunden. Unter therapeutischem Tesamorelin erreicht IGF-1 normalerweise keine vergleichbaren Werte; gerade deshalb wird es kontrolliert. Auch dies spricht für regelmäßige Überwachung statt einer Behandlung ohne weitere Kontrollen.
Bei etwa der Hälfte der Patienten entstehen während der Behandlung Antikörper gegen Tesamorelin. In kurzfristigen Studien ließ sich kein eindeutiger Einfluss auf Wirksamkeit oder Sicherheit erkennen. Ob sich dies nach mehreren Jahren ändert oder Kreuzreaktionen mit körpereigenem GHRH möglich sind, ist bislang nicht überzeugend geklärt.
- Es ist unbekannt, ob eine langfristige Behandlung Herz-Kreislauf-Ereignisse verringert.
- Die klinische Bedeutung der Antikörper bei mehrjähriger Anwendung ist ungeklärt.
- Zum Einfluss auf Knochen und Gelenke über viele Jahre gibt es nur wenige Daten.
- Die langfristige Sicherheit bei Menschen ohne HIV, insbesondere bei Gesunden und Sportlern, wurde nicht untersucht.
Wie die Medizin mit Unsicherheit umgeht
Unvollständige Langzeitdaten sind bei vielen Arzneimitteln üblich. Die Medizin begegnet diesem Problem mit klaren Indikationen, Gegenanzeigen, verpflichtenden Kontrollen und dem Grundsatz, eine Behandlung nur bei nachweisbarem Nutzen fortzusetzen. Alle diese Maßnahmen sind in der Fachinformation zu Tesamorelin vorgesehen.
So soll das Ansprechen nach einigen Monaten beurteilt und die Therapie beendet werden, wenn das viszerale Fett nicht ausreichend abnimmt. Dadurch werden Risiken ohne entsprechenden Nutzen vermieden. Regelmäßige IGF-1- und Glukosekontrollen können ungünstige Entwicklungen rechtzeitig zeigen.
Wer Tesamorelin ohne ärztliche Begleitung anwendet, verzichtet auf diese Schutzmaßnahmen. Der IGF-1-Spiegel ist unbekannt, Glukosekontrollen und altersgerechte Krebsvorsorge fehlen möglicherweise, und häufig stammt das Produkt aus einer Quelle unbekannter Qualität. Die Unsicherheit hinsichtlich langfristiger Risiken nimmt dadurch zu.
Bei Sportlern kommt die Anti-Doping-Frage hinzu: Tesamorelin ist ausdrücklich in Abschnitt S2 der WADA-Verbotsliste aufgeführt und jederzeit verboten.
Fazit der Redaktion
Kontrollierte Sicherheitsdaten zu Tesamorelin umfassen ungefähr das erste Behandlungsjahr. Für längere Zeiträume muss man sich auf Versorgungserfahrungen und Erkenntnisse über anhaltend erhöhte Wachstumshormon- und IGF-1-Werte stützen.
Die am besten begründeten langfristigen Fragen betreffen den Glukosestoffwechsel, ein theoretisches Krebsrisiko, die klinische Bedeutung von Antikörpern und den nicht belegten kardiovaskulären Nutzen.
Diese Unsicherheiten machen das Präparat nicht pauschal gefährlich. Sie erfordern jedoch eindeutige Indikationen, regelmäßige IGF-1- und Glukosekontrollen sowie das Beenden einer Behandlung ohne Nutzen.
Zur weiteren Einordnung verweist der Ausgangstext auf die Beiträge „Nebenwirkungen von Tesamorelin“, „Tesamorelin: Studien an Menschen und Tieren“ sowie „Langfristige Risiken von CJC-1295“ als Vergleich mit einem nicht zugelassenen Analogon.
Literaturverzeichnis
- EGRIFTA (tesamorelin for injection). Prescribing information. Theratechnologies Inc.; U.S. Food and Drug Administration.
- Falutz J, Allas S, Mamputu JC, et al. Long-term safety and effects of tesamorelin, a growth hormone-releasing factor analogue, in HIV patients with abdominal fat accumulation. AIDS. 2008;22(14):1719â1728.
- Falutz J, Mamputu JC, Potvin D, et al. Effects of tesamorelin (TH9507), a growth hormone-releasing factor analog, in human immunodeficiency virus-infected patients with excess abdominal fat: a pooled analysis of two multicenter, double-blind placebo-controlled phase 3 trials with safety extension data. J Clin Endocrinol Metab. 2010;95(9):4291â4304.
- Stanley TL, Fourman LT, Feldpausch MN, et al. Effects of tesamorelin on non-alcoholic fatty liver disease in HIV: a randomised, double-blind, multicentre trial. Lancet HIV. 2019;6(12):e821âe830.
- Renehan AG, Zwahlen M, Minder C, et al. Insulin-like growth factor (IGF)-I, IGF binding protein-3, and cancer risk: systematic review and meta-regression analysis. Lancet. 2004;363(9418):1346â1353.
- Colao A, Grasso LFS, Giustina A, et al. Acromegaly. Nat Rev Dis Primers. 2019;5(1):20.




